Der Mobilitätsclub ARBÖ hat unlängst zum 42. Mal den Großen Österreichischen Automobilpreis verliehen. An den Gewinnern macht ARBÖ-Präsident Peter Rezar die wiedererstarkte Vielfalt leistbarer Fahrzeuge fest. Im Interview spricht er über die Bedeutung individueller Mobilität, Herausforderungen der E‑Mobilität und warnt davor, dass Autofahren nicht zur sozialen Frage werden darf.
Was bedeutet der Große Österreichische Automobilpreis, den der ARBÖ unlängst zum 42. Mal verliehen hat, für die Branche und die Konsumenten, und welche Trends haben Sie bei den Siegerfahrzeugen beobachtet?
PETER REZAR: Die zur Wahl gestandenen Fahrzeuge zeigen die Vielfalt an Antriebssystemen und Karosserievarianten, die den Konsumenten geboten werden. Besonders freue ich mich aber darüber, dass auch wieder mehr günstigere Fahrzeuge zu haben sind und unsere Start-Kategorie im Vergleich zu den Vorjahren wieder gewachsen ist, nachdem immer mehr Fahrzeughersteller die Kleinwagenproduktion eingestellt haben und daher immer weniger Einsteiger-Autos, zweimal waren sogar nur zwei Autos am Start – zur Wahl standen.
ARBÖ-Präsident plädiert für ein Miteinander
Das Auto steht zunehmend in der Kritik. Wie wichtig bleibt es aus Ihrer Sicht für individuelle Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe?
PETER REZAR: Der motorisierte Individualverkehr ist für den künftigen Mobilitätsmix eine ebenso wichtige Säule wie jene der Öffentlichen Verkehrsmittel. Dabei geht es uns nicht um ein „entweder oder“ sondern um ein miteinander. Ein gut ausgebauter Öffentlicher Verkehr ist ebenso wichtig wie die uneingeschränkte Nutzungsmöglichkeit des eigenen Autos. In den vergangenen Jahren, und insbesondere während der Regierung mit grüner Beteiligung, stand aber einzig und allein die Verteuerung des Autofahrens im Fokus. Es darf nicht zu einer sozialen Frage werden, ob man sich Mobilität mit dem eigenen Kraftfahrzeug leisten kann. Es braucht dringend einen Belastungsstopp. Die Politik muss bedenken, dass an die 400.000 Österreicher in automotiven Branchen arbeiten und die Kfz-Produktion und Zulieferindustrie wichtige Wirtschaftsfaktoren sind. Bereits jetzt wirkt sich der Absatzrückgang von Kraftfahrzeugen auf die Unternehmen in Österreich aus, was massive Auswirkungen auf die Beschäftigungszahlen und den Wirtschaftsstandort Österreich hat.
Elektro- und Wasserstofffahrzeuge sind von der Sachbezugssteuer befreit. Wie schätzen Sie die Akzeptanz dieser Technologien bei österreichischen Autofahrern ein?
PETER REZAR: Die Elektromobilität ist mittlerweile angekommen. Diese Antriebsart ist auch gekommen um zu bleiben, auch wenn es den Verbrenner noch längere Zeit nicht komplett ersetzen wird. Trotzdem bieten E-Fahrzeuge eine Fülle von Vorteilen, wie beispielsweise den Fahrkomfort, die geringen Unterhaltskosten und die eigentlich sehr einfache technische Lösung. Andererseits sind aber schon Herausforderungen zu lösen: Die Ladeleistung muss och besser werden, die Ladeinfrastruktur und insbesondere der Tarifdschungel muss sich verbessern. Den Konsumenten muss klar gezeigt werden, was die Stromladung kostet, und zwar vor dem Ladebeginn. Um diese Herausforderungen zu lösen, müssen alle an einem Strang ziehen: Stromerzeuger, Lieferanten und Autohersteller. Und letztlich ist auch die Politik gefragt, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Besonders wichtig ist diesbezüglich die Verjüngung der Fahrzeugflotte. Die alten, verbrauchsstarken Fahrzeuge müssen runter von der Straße und neue, emissionsarme Fahrzeuge auf die Straße. Das würde am besten durch eine Form der Ankaufsförderung funktionieren.
Vertrauen für und in Elektromobilität
Welche Rolle sehen Sie für den ARBÖ, um Vertrauen in E-Mobilität zu schaffen?
PETER REZAR: Neues bedeutet Veränderung und ja, wir haben in den vergangenen Jahren auch viel Skepsis im Bezug auf E-Mobilität wahrgenommen. Das hat sich mit der neuesten Fahrzeuggeneration aber sehr verbessert. Die Reichweite beträgt teilweise schon 500 Kilometer und mehr und auch die Ladeinfrastruktur wird besser, auch wenn noch Verbesserungsbedarf steht. Aber gerade die Wahrnehmung der Schnellladepunkte zum Beispiel entlang des Autobahnnetzes, aber auch bei Einkaufszentren und Supermärkten lassen viele Ängste bei den Menschen schwinden. Und das spiegelt sich auch an den Zulassungszahlen wieder: Die E-Fahrzeu8ge werden von Jahr zu Jahr mehr, und die meisten möchten nicht mehr auf einen Verbrenner zurückwechseln. Als Mobilitätsklub ist unsere Aufgabe zu beraten und informieren. Das machen wir über unsere Kommunikationskanäle und im persönlichen Gespräch. Und natürlich sind alle unsere Techniker durch entsprechende Schulungen ausgebildet, damit sie auch auf E-Autos arbeiten dürfen.
Wie kann die Politik sicherstellen, dass Mobilität für alle leistbar bleibt, ohne die Klimaziele zu gefährden?
PETER REZAR: Die Antwort darauf ist ganz einfach: Runter mit den Steuern aufs Autofahren. Individualmobilität ist ein Grundbedürfnis und eine Errungenschaft des Wirtschaftsaufschwunges der vergangenen sechs, sieben Jahrzehnten. Viele Menschen fahren mit dem Auto, weil das Alternativangebot in Form von gut ausgebauten Öffis nicht gegeben ist. Und man muss auch sagen, dass das Auto nun mal Mobilitätsanforderungen erfüllt, die kein Öffentliches Verkehrsmittel schafft. Das Leben hält sich nicht immer an Fahrpläne und Öffi-Routen, deshalb deckt die Motorisierte Individualmobilität einen ganz wichtigen Lebensbereich der Menschen ab. Andererseits ist es natürlich unsere Aufgabe, das Klima und die Umwelt zu schützen. Natürlich tragen wir die Pariser Klimaziele mit und werden unseren Beitrag dazu leisten. Die Politik sollte aber nur die Ziele vorgeben und den Weg dorthin der Industrie überlassen. In Europa hat die EU die Reduktion der Treibhausgase beschlossen und auch gleich vorgegebene, das dieses Ziel im Verkehrssektor mit dem E-Antrieb zu geschehen hat. Man hätte aber der Industrie freie Hand lassen sollen, um die Reduktion der Emissionen zu erreichen. Jetzt haben wir die unklare Situation, dass einmal von einem Verbrenner-Aus gesprochen wird, dann wieder nicht, dann wieder ein bisschen. Es kennt sich keiner mehr aus, und am Ende müssen die Konsumenten mehr bezahlen.
Forderung: Autofahren muss billiger werden
Welche konkreten Maßnahmen erwarten Sie von der Bundesregierung, um die Kosten – beispielsweise für Sprit und Strom – für Autofahrer zu senken?
PETER REZAR: Autofahren muss billiger werden, und zwar in allen Bereichen. In kaum einem anderen Land wird der Autofahrer und die Autofahrerin so massive belastet wie in Österreich. Rund 15 Milliarden Euro zahlen die Kraftfahrer jedes Jahr an Steuern und Abgaben. Mit der Nova, der CO2-Bepreisung und der Umsatzsteuer auf diese Abgaben zahlen die Kraftfahrer allein drei verschiedene Umweltabgaben. Die vergangene Regierung hat ja gänzlich ungeniert in die Geldbörsen der Autofahrer gegriffen. Wir fordern daher eine Belastungsstopp für die Kraftfahrer. Die Menschen fahren ja nicht zum Spaß mit dem Auto, sondern um am sozialen Leben teilzunehmen, das private Leben zu organisieren oder einer Berufstätigkeit nachgehen zu können. Daher muss Autofahren leistbar bleiben, und auch die Infrastruktur modernisiert werden. Immerhin werden die Hälfte aller Wege mit dem eigenen Auto zurückgelegt.
Wie sieht Ihre Vision für eine leistbare und nachhaltige Mobilität in Österreich aus – insbesondere im ländlichen Raum?
PETER REZAR: Gerade im ländlichen Raum ist das eigene Auto das wichtigste Fortbewegungsmittel. Besonders wichtig wäre, dass die vielen alten Fahrzeuge von der Straße verschwinden. In Österreich sind noch immer rund eine Million Fahrzeuge der Euronorm-Klasse 4 unterwegs. Diese Fahrzeuge müssen durch emissionsarme und emissionsfreie Fahrzeuge ersetzt werden, am besten durch Ankaufsförderungen. Leider wurde aber sogar die Förderung für die Anschaffung von E-Autos gestrichen.
Notwendige Straßenbauprojekte in Wien und Tirol
Und letztendlich: Welche Straßenbauprojekte sind aus Ihrer Sicht besonders dringend?
PETER REZAR: Das hochrangige Straßennetz muss weiter ausgebaut werden. Sehr dringend ist natürlich der S1-Lückenschluss mit dem Lobautunnel rund um Wien. Wir freuen uns diesbezüglich sehr, dass Minister Hanke die Fortsetzung des Bauvorhabens vorantreibt. Aber auch die S34 und eine Autobahn- oder Schnellstraßenausbau Richtung Tschechische Republik und im Tiroler Außerfern wäre wichtig. Und auch im nördlichen Nieder- und Oberösterreich gibt es Bedarf an gut ausgebauter Straßeninfrastruktur. Daher muss auch die Erlöse aus der Autobahnmaut weiterhin zweckgebunden für den Straßenbau eingesetzt werden, damit die qualitativ hochwertige Infrastruktur sichergestellt und ausgebaut wird. Es gibt also viel zu tun.
Foto: ARBÖ
| Zur Person: Peter Rezar ist seit 2018 Präsident des ARBÖ Österreich. Der Jurist war zuvor Landesrat im Burgenland und brachte umfassende Erfahrung aus Politik und Verwaltung ein. Unter seiner Führung stärkt der ARBÖ seine Rolle als Interessenvertretung mobiler Menschen. Rezar wird heuer 70 Jahre alt. |


