Die Entschärfung der CO₂‑Flottenziele ab 2035 bringt Entlastung für Hersteller – doch birgt sie auch das Risiko, den Hochlauf der E‑Mobilität zu bremsen. Während die neue Regelung Strafzahlungen reduziert, bleiben viele Details unklar. Für Österreich stehen Preisentwicklung, Modellvielfalt und Beschäftigung im Fokus. Gleichzeitig braucht es wirksame Hebel, wie steuerliche Vorteile für Firmen, leistbare Strompreise und einen raschen Infrastrukturausbau. Denn trotz steigender Neuzulassungen und sinkender CO₂‑Werte gilt: Ohne klare Rahmenbedingungen könnte die „Atempause“ zum Bremsklotz werden, wie Günther Kerle, Sprecher und Vorsitzender des Arbeitskreises der Automobilimporteure, im Interview mit autoinfos.at sagt.
Entschärfung nahm Druck aus dem Kessel
Die CO₂-Flottenziele 2035 wurden ja entschärft. Ist das eine Chance oder ein Risiko? Was bedeutet das für Preis, Modellangebot und Beschäftigung in Österreich – und wie verhindert man, dass die „Atempause“ den Hochlauf der E Mobilität bremst?
GÜNTHER KERLE: Die Entschärfung der CO2-Flottenziele war ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nur ein kleiner. Er hat geholfen, Druck aus dem Kessel zu nehmen und massive Strafzahlungen für die Automobilhersteller in den nächsten Jahren zu vermeiden. Dennoch ist die neue Regelung sehr komplex und noch nicht im Detail bekannt. Es bleibt abzuwarten, wie die Gespräche im weiteren Gesetzgebungsprozess in Brüssel verlaufen. Und man wird sehen, ob es nicht weiterer Entschärfungen bedarf.
Welche drei Maßnahmen bringen in Österreich den größten Hebel beim Hochlauf der Zulassungszahlen für E-Autos – und in welchem Zeitfenster?
GÜNTHER KERLE: In Österreich ist sicher die Möglichkeit der Sachbezugsbefreiung und der Vorsteuerabzugsfähigkeit für Firmen besonders attraktiv. Bei Privatkunden sind es Höhe des Strompreises, Ausbau der Infrastruktrur, transparente Abrechnungssysteme und nicht zuletzt die Höhe des Fahrzeugpreises. Die Ankaufsförderung, die es leider nicht mehr gibt, war auch ein starkes Argument!
Deutliche Steigerung bei Neuzulassungen
2025 legten die Pkw Neuzulassungen in Österreich um rund zwölf Prozent auf rund 285.000 Einheiten zu; zugleich sanken die durchschnittlichen CO₂ Werte der Neuwagen erstmals unter 100 Gramm je Kilometer. Was sind die Treiber, welche Risiken sehen Sie für 2026 bei den Neuzulassungen?
GÜNTHER KERLE: Dass die CO2-Werte bei den Pkw-Neuzulassungen Jahr für Jahr merklich sinken, ist in erster Linie auf den steigenden Anteil von Elektro- und Hybridmodellen zurückzuführen. Rund 50 Prozent aller verkauften Neuwagen haben bereits einen alternativen Antrieb. Aber auch bei den reinen Verbrennern stellen wir fest, dass sich die CO2-Werte laufend verbessern. Auch in den ersten beiden Monaten des heurigen Jahres zeigt sich eine deutliche Steigerung der Neuzulassungen. Das erklärt sich natürlich insbesondere daraus, dass es nunmehr für viele Konsumenten nach einigen Jahren des Zuwartens einen Aufholbedarf gibt. Auch die Neuzulassungen bei reinen Elektrofahrzeugen steigen stetig.
Die EU erhebt endgültige Zusatz-/Strafzölle auf Elektroautos aus China. Welche Antworten erwarten Sie von Importeuren und Herstellern diesbezüglich?
GÜNTHER KERLE: Es liegt in der Entscheidung jedes betroffenen Importeurs, wie er mit den Zöllen umgeht, ob er sie voll oder nur zum Teil an die Kunden weitergibt. Fakt ist, dass Zölle keinem helfen und den freien Marktverkehr erheblich beeinträchtigen.
Die NoVA als Bürokratiemonster
Sie kritisieren „Bürokratiemonster“ und „Wucherzinsen“ bei unterjähriger Zahlung; zugleich gilt die NoVA vielen als undurchschaubar. Welche konkreten Vereinfachungen schlagen Sie vor und was wäre politisch sofort machbar?
GÜNTHER KERLE: Aus unserer Sicht ist die Normverbrauchsabgabe ein Bürokratiemonster, das völlig aus der Zeit gefallen und für niemandem mehr durchschaubar ist. Wir fordern daher die Abschaffung oder zumindest eine Vereinfachung dieser Steuer, die uns auch im internationalen Gebrauchtwagengeschäft benachteiligt.
Sie betonen, dass mehr als 85 Prozent der SUV größenmäßig eher einem Golf entsprächen. Wie sollte Österreichs Verkehrspolitik mit dem Thema Stellplatz und Parkgebühren umgehen.
GÜNTHER KERLE: Wir glauben nicht, dass es Vorschriften hinsichtlich der Größe eines Fahrzeuges und seines Parkbedarfs braucht. SUV sind deshalb so beliebt, weil sie bessere Übersicht und leichteres Einsteigen bieten. Und die überwiegende Mehrheit der Zulassungen ist eben nicht größer als ein Golf. Die kleine Anzahl an großen und schweren Fahrzeugen zahlt bereits jetzt ein Vielfaches an diversen Steuern und Abgaben, man sollte sie nicht noch weiter benachteiligen.
Fotos: leadersnet.at/D. Mikkelsen; Arbeitskreis der Automobilimporteure; leadersnet.at/A. Felten
| Zur Person: Günther Kerle, geboren 1952 in Hall in Tirol, schnupperte in einem technischen Großhandel zum ersten Mal Arbeitsluft und kam 1981 als Gebietsleiter zu Mazda Austria. Mit seiner Ernennung als Verkaufsleiter zwei Jahre später siedelte der gebürtige Tiroler dann endgültig nach Klagenfurt um. Ab 2006 managte Günther Kerle als Geschäftsführer von Mazda Austria den Fahrzeugimport für 18 zentral- und südosteuropäische Länder mit einem Jahresumsatz von zuletzt 368,5 Millionen Euro. Seit April 2016 offiziell im Ruhestand, übernahm Günther Kerle ab Mai 2016 den Vorsitz des Arbeitskreises der Automobilimporteure in Österreich. Seine Freizeit verbringt der verheiratete Vater von drei Söhnen gemeinsam mit der sportbegeisterten Familie beim Golfen oder Skifahren. |





